Kirstin Jung
Foto: Jacob Studnar
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Vom Anatomiekurs in die Hutmacher-Werkstatt: Die 26-jährige Kristin Jung hat sich gegen ein Medizinstudium und für ein kreatives Handwerk entschieden. Diese Entscheidung belohnte jetzt die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld in der Gesellenprüfung zur Modistin (Hutmacherin) mit der Note 1,3. Hut ab.
Kristin Jung arbeitet in Witten, das Geschäft ihres Arbeitgebers heißt schlicht "Der Hutsalon" und liegt an der Hammerstraße in der Innenstadt. Auf der Glastür des traditionsreichen Ladens steht "Der Hut ist ein Gruß an den Himmel". Der Verkaufsraum ist modern und gleichzeitig nostalgisch eingerichtet. Allein die schiere Überzahl der Hüte, Kappen, Mützen, aus Stoff, Leder, Filz, Stroh und mancher Stunde Handarbeit wirken wie ein überraschend sympathischer Gruß aus der Vergangenheit. Wer trägt heute eigentlich noch Hut? Zum Beispiel Kristin Jungs Freund. "Er wollte sich hier im Laden seinen Herrenhut weiten lassen", erinnert sich die frischgebackene Gesellin. "Ich habe mich sofort verliebt." In die Hüte, in das Geschäft, in das Handwerk, zu dem es auch neben Geschick auch Fingerfertigkeit braucht. Die hat Kristin Jung jetzt schriftlich.
Ihre Note verdankt sie ihren guten Leistungen bei den Klausuren und den drei Hüten, die sie zu Prüfungszwecken anzufertigen hatte. Ihr Gesellenstück ist ein Strohhut, wie er reiferen, leicht extravaganten Damen stehen würde. Er ist leicht, luftig, champagnerfarben und schokoladenbraun, mit verspielt und doch seriös abstehender Extrafalte. "Der Hut muss zum Gesicht und zur Garderobe passen. Ein Anlass-Hut." Rund 300 Euro müsste sie dafür im Laden schon verlangen. "Im Medizinstudium gab es nur Klausuren", winkt sie ab, "die Kreativität wurde gekillt."
Als sie ihren Freund in den Salon begleitete, fragte sie nach einem Praktikum, was sie auch sofort bekam. Danach bot man ihr einen Ausbildungsplatz an. Kristin Jung nahm an und hat bis heute nicht einen Tag bereut. Jetzt will sie ihre Meisterprüfung nachschieben und in Berlin ein Hutgeschäft eröffnen.
Ein weiter Weg für die ehemalige Medizinstudentin aus Siegen. Doch der Gesellenbrief aus Bielefeld sorgt für positive Vorzeichen. Und das, obwohl Jung drei Tage vor der Prüfung mit Fieber im Bett lag: "Ich hatte gar keine Zeit, nervös zu sein." Als sie dann in Bielefeld ankam, "war ich auf einmal wieder gesund." Einen Strohhut und einen Stoffhut sollte sie nach eigenen Entwürfen herstellen, ein Filzhut sollte exakt nachgebaut werden. Sorgen bereitete ihr die "kleine Glocke" im 20er-Jahre-Stil: "Der Stoffhut ging erst daneben, aber ich konnte ihn retten." Die "bezogene Unterform" hatte zuerst nicht richtig gesessen. Vier Tage dauerte die Prüfung. Mit der Ausbildung ist sie "absolut zufrieden": "Geschick ist das wichtigste, ich bin Handwerker, keine Künstlerin."
WAZ Witten, 23.06.2007