Orchideen Beruf
Von Dominika Sagan - Fotos: Karl Gatzmanga

In Feinarbeit und mit Geschick näht Insa Müller die letzten Details an den warmen Wollhut.
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"Du bist Nudistin?", solche Reaktionen hört Kristin Jung oft, wenn sie ihren Beruf nennt. Sie ist jedoch weder unbekleidet noch Buddhistin, sondern im dritten Ausbildungsjahr zur Modistin. Die 26-Jährige entwirft und fertigt Hüte im "Hutsalon". "Wir haben eben einen Orchideen-Beruf", weiß ihre Chefin Bärbel Wolfes-Maduka (41).
Mit ihren Kreationen für den Kopf haben sie bereits an Leistungswettbewerben teilgenommen - und Preise abgestaubt. Auch Insa Müller (20), die im ersten Lehrjahr ist, landete mit einem "kleinen Schwarzen" auf Platz drei. Insa hat sich nach einem Praktikum in einem Oldenburger Hutladen für den Beruf entschieden. "Weil ich kreativ arbeiten kann und es um Mode geht", sagt die 20-Jährige, während sie Ornamente auf einem orangen Wollhut abnäht.
Die drei Damen vom Salon sitzen in der Hutwerkstatt hinter dem Geschäft am Holztisch. Über ihnen hängen Stoffblumen am Seil, das durch den Raum gespannt ist. In den Wandregalen stapeln sich Kisten mit Bändern, Garn und Perlen. Hinter dem Tisch liegen Stoffe aus allen Materialien und in allen Farben aufgetürmt. Auf dem Tisch am Fenster haben sie Holzköpfe platziert. Daneben den Hut-Walter, der aussieht, wie ein Haupt aus Metall.
"Mit Walter formen wir die Filzstumpen", erläutert Kristin. Das sind die schlapphutähnlichen Rohmodelle, aus denen die Modistinnen die schicken Stücke gestalten. Dafür ziehen sie den feuchten Stumpen auf Walter. In dessen Innerem steckt eine Heizspirale. Wenn der Hut die richtige Form hat, muss er trocknen. Dann wird er auf den Holzkopf gestülpt. "Und immer vorsichtig am Stoff ziehen, sonst reißt er", warnt die Meisterin. Sonst müssten sie aus dem Loch-Stumpen einen Hut zaubern. "Aus Mist Rosinen machen" - so habe das ihre Ausbilderin Erika Kersting genannt. Sie eröffnete das Geschäft 1967 als "Hutsalon Erika" und leitete diesen bis 1996 - bis Bärbel Wolfes-Maduka ihn übernahm.
Im "Hutsalon" hängen oder liegen fertige Hüte in allen Variationen. Ein klassischer "Trilby", die Ohrenklappenmütze mit aufgenähter Rosenranke oder ein Exemplar in Turbanform.

Allerlei Hut-Zubehör verbirgt sich hinter den ordentlich gestapelten Kisten: Garn, Rips, Bänder ...
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"Wir können selbstständig unsere Ideen umsetzen", sagt Kristin. Nachdem die 26-Jährige ihr Medizinstudium geschmissen hatte, stand schnell fest: Sie wird Hutmacherin. Für Kristin gehört ein Hut zum Outfit. "Er macht es komplett." Allerdings muss der Hut zum Typ passen. "Denn er verändert den Menschen mehr als eine Jacke oder eine Bluse", erläutert die Modisten-Meisterin. Beraten und beeinflussen gehört zum Job. Daher sei bei ihrem Beruf wichtig, Spaß an den Menschen zu haben und sie bedienen zu wollen.
Was Auszubildende außerdem mitbringen müssen? "Ein Vorteil ist, wenn sie nähen können", sagt Bärbel Wolfes-Maduka. Aber keine Voraussetzung. Ein Muss: Seine Hände zu beherrschen und Ideen zu haben.
Die Modisten-Meisterin lässt sich von Hut-Modellen in Zeitschriften inspirieren oder sieht etwas auf der Straße, das sie dann in abgeänderter Form entwirft. "Zum Schluss sieht der Hut aber grundsätzlich anders aus, als ich ihn mir gedacht hätte", gesteht sie. "Immer besser", weiß Kristin aus Erfahrung.
"Immer mehr Menschen tragen wieder Hüte", freut sich ihre Chefin. Sie trauten sich ein wenig mehr. Während in den 80ern jeder auffallen wollte, gelte derjenige mit schicken Klamotten heute gleich als "aufgedonnert".
Der "steife" Hut käme aber wieder in Mode. Bislang bevorzugten die Kunden mützenartige Modelle, die sie sich auf den Kopf zögen. "Den klassischen Hut setzt man auf", erklärt die Meisterin und muntert die Hutlosen auf: "Sie tragen schließlich auch einen Schal." Der Kopf sei genauso ein Körperteil, "das bedeckt werden möchte". Für die drei vom Hutsalon gilt schon lange: nie oben ohne.
WAZ Witten, 17.02.2007